{"id":376,"date":"2015-07-16T22:38:44","date_gmt":"2015-07-16T22:38:44","guid":{"rendered":"http:\/\/earbook.online\/hicen\/de\/?page_id=376"},"modified":"2015-10-18T22:48:20","modified_gmt":"2015-10-18T22:48:20","slug":"1-neugeborenen-horscreening","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/earbook.online\/hicen\/de\/1-neugeborenen-horscreening\/","title":{"rendered":"Modul 1-Neugeborenen-H\u00f6rscreening"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Modul 1 behandelt die Fragen, wo das Neugeborenen-H\u00f6rscreening durchgef\u00fchrt wird, welche Verfahren dabei angewendet werden und welche Konsequenzen es hat, wenn ein Baby als h\u00f6rgesch\u00e4digt gescreent wird.<br \/>\n<strong>Autoren:<\/strong> Peter B\u00f6ttcher und Barbara Bogner<\/p><\/blockquote>\n<h1 style=\"text-align: justify;\">Einf\u00fchrung<\/h1>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Ziel des Moduls<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gegensatz zu den M\u00f6glichkeiten unserer Eltern und Gro\u00dfeltern l\u00e4sst sich heute f\u00fcr die Entwicklung von Kindern mit einer angeborenen H\u00f6rst\u00f6rung behaupten, dass nicht mehr die H\u00f6rst\u00f6rung das eigentliche Problem darstellt, sondern vielmehr der Zeitpunkt ihrer Entdeckung und Behandlung. Je fr\u00fcher H\u00f6rst\u00f6rungen entdeckt werden, desto besser sind ihre Behandlungschancen. Die diagnostischen, apparativen und therapeutischen Fortschritte in unserer Zeit erm\u00f6glichen den betroffenen Kindern eine Entwicklung, die der Entwicklung h\u00f6render Kinder gleichkommt. Eine H\u00f6rst\u00f6rung kann in der Regel nicht geheilt werden, doch lassen sich die bestehenden Defizite fr\u00fchzeitig gut ausgleichen, so dass dem Kind kein Nachteil daraus entstehen muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ziel dieses Moduls ist es, Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die gro\u00dfe Bedeutung des Neugeborenen-H\u00f6rscreenings zu wecken. Es geht darum, gute Argumente zu liefern, warum Eltern nicht auf diese Vorsorgeuntersuchung verzichten sollten. Es wird aufgezeigt, warum die Fr\u00fcherkennung von H\u00f6rst\u00f6rungen wichtig ist und welche Chancen mit einer fr\u00fchen Diagnose und daran anschlie\u00dfend einer fr\u00fchen Habilitation verbunden sind. Es wird dargestellt, welche Messverfahren zum Einsatz kommen und welche Bedingungen zus\u00e4tzlich zu beachten sind, damit das Neugeborenen-H\u00f6rscreening erfolgreich ist.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Methode<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Selbststudium sollen die Leser Grundlagenwissen zum Neugeborenen-H\u00f6rscreening erwerben. Sie sollen dies in der Elternberatung anwenden k\u00f6nnen. Die wesentlichen Lernziele sind zu Beginn des jeweiligen Kapitels formuliert. Au\u00dferdem haben die Leser die M\u00f6glichkeit, Ihren Wissenszuwachs anhand von Evaluationsfragen zu jedem Kapitel selbst zu \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<h1 style=\"text-align: justify;\">Warum die Fr\u00fcherkennung von H\u00f6rst\u00f6rungen so wichtig ist<\/h1>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die wichtigsten Lernziele bestehen darin:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Risikofaktoren fr\u00fchkindlicher H\u00f6rst\u00f6rungen zu kennen<br \/>\nzu wissen, dass das Neugeborenen-H\u00f6rscreening ein wirksames und zeitgem\u00e4\u00dfes Mittel ist, bei Geburt vorhandenes H\u00f6rst\u00f6rungen fr\u00fch zu erkennen<br \/>\nzu erkennen, dass das H\u00f6rsystem in Abh\u00e4ngigkeit der ihm angebotenen Reize ausreift<br \/>\nzu verstehen, dass durch die fr\u00fche Diagnose die Folgewirkungen von H\u00f6rst\u00f6rungen minimiert werden k\u00f6nnen<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Risikofaktoren und H\u00e4ufigkeit fr\u00fchkindlicher H\u00f6rst\u00f6rungen<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Etwa ein bis zwei von tausend gesund geborenen Kindern kommen mit einer H\u00f6rminderung zur Welt oder erwerben diese in der Neugeborenenphase. In einem Teil der F\u00e4lle sind die Ursachen daf\u00fcr nicht auszumachen. In etwa der H\u00e4lfte der F\u00e4lle liegen bestimmte Risikofaktoren f\u00fcr das Auftreten der H\u00f6rst\u00f6rungen vor. Diese k\u00f6nnen vor der Geburt (pr\u00e4natal), w\u00e4hrend der Geburt (perinatal) oder nach der Geburt (postnatal) auftreten. Potentielle Risikofaktoren sind (Hildmann 2008):<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">genetische Defekte, die zur H\u00e4ufung von H\u00f6rst\u00f6rungen in bestimmten Familien f\u00fchren k\u00f6nnen<br \/>\ngenetische Syndrome<br \/>\nFehlbildungen des Kopfes, des Gesichts und der Ohren<br \/>\nInfektionen in der Schwangerschaft, z.B. (R\u00f6teln, Herpes, Toxoplasmose, Zytomegalie)<br \/>\nextreme Unreife bei Fr\u00fchgeburt (Geburtsgewicht &lt; 1500g)<br \/>\nLangzeitbeatmung (l\u00e4nger als 8 Stunden)<br \/>\nkritische Hyperbilirubin\u00e4mie (Starke Neugeborenengelbsucht)<br \/>\nAnwendung innenohrsch\u00e4digender (ototoxischer) Medikamente<br \/>\nMeningitis (Hirnhautentz\u00fcndung)<br \/>\nalle Krankheiten oder Bedingungen, die einen Aufenthalt von 48 oder mehr Stunden in einer neonatologischen Intensivstation erfordern<br \/>\nBeim Vorliegen eines der Risikofaktoren geht man davon aus, dass mindestens 1-3 von 100 Kindern neben anderen Krankheiten oder Behinderungen auch eine H\u00f6rsch\u00e4digung haben k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Sensible Phasen der H\u00f6rbahnreifung<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das H\u00f6ren ist bei Geburt nicht vollst\u00e4ndig entwickelt. Damit es seine volle Funktion entfalten kann, bedarf es der Ausreifung der H\u00f6rbahn nach der Geburt. Diese Reifungsprozesse vollziehen sich in bestimmten Zeitfenstern, den sensiblen Perioden, die f\u00fcr verschiedene Prozesse unterschiedlich lang sind. Sie laufen nur dann ungest\u00f6rt ab, wenn in diesen Phasen die entsprechende Stimulation erfolgt und eine Stabilisierung der sinnvollen neuronalen Verbindungen durch Schallreize stattfindet (Klinke 2008). Damit besteht ein eng umrissenes Zeitfenster f\u00fcr die Behandlung fr\u00fchkindlicher H\u00f6rst\u00f6rungen, die sp\u00e4testens bis zum Ende der sensiblen Hauptphase der H\u00f6rbahnreifung, etwa mit Abschluss des ersten Lebensjahres, therapiert sein m\u00fcssen, wenn nicht irreversible Sch\u00e4den zur\u00fcckbleiben sollen. Werden fr\u00fchkindliche H\u00f6rst\u00f6rungen nicht rechtzeitig, das hei\u00dft in den ersten sechs Lebensmonaten, mit H\u00f6rhilfen oder h\u00f6rverbessernden Operationen behandelt und wird nicht zeitnah eine professionelle Fr\u00fchf\u00f6rderung eingeleitet, so k\u00f6nnen sich daraus in der Folge Sprachentwicklungsst\u00f6rungen, Lernst\u00f6rungen mit emotionalen, psychosozialen und kognitiven Folgen und Auswirkungen auf die Schulbildung, die Berufsaus\u00fcbung und die Familien der Betroffenen ergeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach internationalen Studien liegt das bisherige Diagnosezeitalter ohne Neugeborenen-H\u00f6rscreening bei etwa 21-47 Monaten. Fr\u00fchkindliche H\u00f6rst\u00f6rungen werden daher meist erst nach Ablauf der sensiblen Reifungsphasen versorgt. Es gibt eine Reihe von Belegen daf\u00fcr, dass fr\u00fch versorgte Kinder sich in verschiedenen Entwicklungsbereichen umso besser entwickeln je fr\u00fcher der Versorgungszeitpunkt liegt. Es stehen fr\u00fchzeitig geeignete Mittel zu Verf\u00fcgung, so dass das H\u00f6r- und Sprachsystem h\u00f6rgesch\u00e4digter Kinder eine gleichwertige Entwicklung wie bei h\u00f6renden Kindern nehmen kann (Yoshinaga-Itano 2003).<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Zusammenfassung<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fr\u00fchkindliche angeborene H\u00f6rsch\u00e4digungen sind verglichen mit anderen angeborenen Krankheiten im Kindesalter relativ h\u00e4ufig. H\u00f6rgesch\u00e4digte Kinder verf\u00fcgen wie alle Menschen \u00fcber ein H\u00f6rerwerbssystem. Daher k\u00f6nnen sie H\u00f6ren lernen wie alle anderen Kinder auch. Dies setzt voraus, dass die H\u00f6rsch\u00e4digung in den ersten 6 Lebensmonaten sicher diagnostiziert und das Kind einer geeigneten Therapie zugef\u00fchrt wird.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Evaluation<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie h\u00e4ufig treten H\u00f6rst\u00f6rungen im Neugeborenenalter auf?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selten, etwa ein bis zwei von 10.000 Kindern sind betroffen.<br \/>\nGelegentlich, etwa ein bis zwei von 3.000 Kindern sind betroffen.<br \/>\nH\u00e4ufig, etwa ein bis zwei von 2.000 Kindern sind betroffen.<br \/>\nSehr h\u00e4ufig, etwa ein bis zwei von 1.000 Kindern sind betroffen. Beim Auftreten bestimmter Risikofaktoren kann sich die Zahl auf ein bis drei von 100 Kindern erh\u00f6hen.<br \/>\nKommen Kinder mit einem voll ausgereiften und funktionst\u00fcchtigen H\u00f6rsystem zur Welt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">o\u00a0\u00a0 Ja, die Verarbeitung von Schalleindr\u00fccken vollzieht sich beim Neugeborenen wie beim Erwachsenen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">o\u00a0\u00a0 Ja, daher kann man mit einem Neugeborenen-H\u00f6rscreening sehr gut die normalh\u00f6renden von den h\u00f6rgest\u00f6rten Kindern unterscheiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">o\u00a0\u00a0 Nein, das H\u00f6rsystem reift auch nach der Geburt weiter. Defizite m\u00fcssen aber fr\u00fchzeitig erkannt und vor Abschluss bestimmter kritischer Phasen ausgeglichen werden da sonst irreversible Sch\u00e4den zur\u00fcckbleiben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">o\u00a0\u00a0 Nein, das H\u00f6rsystem reift in verschiedenen Phasen bis etwa zum 15. Lebensjahr. Fehlendes H\u00f6rtraining in den ersten Lebensjahren kann sp\u00e4ter durch therapeutische Ma\u00dfnahmen gut ausgeglichen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was wird in den sensiblen Phasen der H\u00f6rbahnreifung angelegt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Cochlea (H\u00f6rschnecke) mit ihren Sinneszellen (Haarzellen).<br \/>\nDie neuronalen Verschaltungen von Nervenzellen der H\u00f6rbahn und des auditorischen Kortex.<br \/>\nDie Verbindung zwischen Au\u00dfen- und Innenohr beim S\u00e4ugling.<br \/>\nDie Nervenbahnen zwischen der rechten und linken Cochlea (H\u00f6rschnecke).<br \/>\nWann m\u00fcssen H\u00f6rst\u00f6rungen erkannt und therapiert werden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So fr\u00fch wie m\u00f6glich, sp\u00e4testens aber bis zum 6. Lebensmonat, da H\u00f6rbahnreifung bereits im Mutterleib beginnt und h\u00f6rgest\u00f6rte Kinder schon mit einem \u201eTrainingsdefizit\u201c zu Welt kommen.<br \/>\nEtwa innerhalb des ersten Lebensjahres, da dann diese Reifungsphase abgeschlossen ist.<br \/>\nMit etwa drei Jahren, da im Kindergartenalter komplexere Leistungsanforderungen an das H\u00f6rsystem des Kindes gestellt werden.<br \/>\nMit etwa 18 Monaten, da das Kind bereits die ersten Worte bilden und sein H\u00f6rsystem selbst mit \u201etrainieren\u201c kann.<\/p>\n<h1 style=\"text-align: justify;\">Was ist ein Neugeborenen-H\u00f6rscreening?<\/h1>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die wichtigsten Lernziele bestehen darin:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu verstehen, was das Ziel des Neugeborenen-H\u00f6rscreenings ist<br \/>\nZu wissen, welche Messverfahren zum Einsatz kommen<br \/>\nM\u00f6gliche Schwachstellen der Ablaufstruktur zu kennen<br \/>\nGeeignete Anlaufstellen f\u00fcr die Best\u00e4tigungsdiagnostik benennen zu k\u00f6nnen<br \/>\nEin Neugeborenen-H\u00f6rscreening ist eine einfach durchzuf\u00fchrende Untersuchung bei der die \u00fcberwiegend normale Funktion des H\u00f6rorgans einer Population \u00fcber automatisierte Verfahren nachgewiesen werden kann. Ein Screening stellt einen systematischen Siebtest dar. Das Ziel besteht darin, mit geringem Aufwand eine m\u00f6glichst sichere Aussage \u00fcber die normale Funktion des H\u00f6rorgans zu erhalten. Daher k\u00f6nnen mit dem Neugeborenen-H\u00f6rscreening keine Aussagen \u00fcber eventuell vorliegende Funktionsst\u00f6rungen getroffen werden. Ein nicht bestandenes H\u00f6rscreening bedeutet nicht unbedingt, dass eine H\u00f6rsch\u00e4digung vorliegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Screening kann nur mit einem unauff\u00e4lligen Ergebnis, mit einem abgebrochenen oder nicht durchgef\u00fchrten Versuch, oder mit einem kontrollbed\u00fcrftigen Test abgeschlossen werden. Niemals wird also eine Krankheit identifiziert, sondern \u00fcberwiegend die normale, ungest\u00f6rte Funktion des Organs nachgewiesen. Die Funktionsst\u00f6rung des Geh\u00f6rs ist, neben M\u00e4ngeln bei der Durchf\u00fchrung der Untersuchung und systematischen und zuf\u00e4lligen Messfehlern, nur eine unter mehreren m\u00f6glichen Ursachen f\u00fcr ein kontrollbed\u00fcrftiges Testergebnis. Ein bestandenes Screening wird als PASS bezeichnet, ein nicht bestandenes mit REFER oder CONTROL.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Messverfahren<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr das Neugeborenen-H\u00f6rscreening haben sich in den letzten Jahren zwei Messverfahren etablieren k\u00f6nnen. Es handelt sich dabei um die Messung von transitorisch evozierten otoakustischen Emissionen (TEOAE) und die Messung automatisiert ausgewerteter akustisch evozierter Hinstammpotentiale (automated auditory brain\u00adstem response, = AABR).<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">TEOAE-Messung<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">TEOAE-Verfahren messen im \u00fcbertragenen Sinne die \u201eAntworten des Innenohrs auf Schallreize\u201c, besser noch: die Antwortsignale der \u00e4u\u00dferen Haarzellen im Innenohr. Diese erzeugen mit ihren aktiven Eigenschaften selbst wieder einen Schall, der \u00fcber das Mittelohr in den \u00e4u\u00dferen Geh\u00f6rgang \u00fcbertragen und dort mit einem Mikrofon gemessen werden kann. Das H\u00f6rorgan wird dabei in der Regel \u00fcber eine dicht mit dem Geh\u00f6rgang abgeschlossene Sonde beschallt. Beim Erhalt von Emissionen kann man davon ausgehen, dass der H\u00f6rverlust nicht gr\u00f6\u00dfer als 30 dB ist. Da bei den meisten Funktionsst\u00f6rungen des Innenohres die Funktion der \u00e4u\u00dferen Haarzellen beeintr\u00e4chtigt ist (siehe Modul 2), k\u00f6nnen otoakustische Emissionen dann nicht gemessen werden. Ein Ausbleiben der Emissionen kann aber auch andere Gr\u00fcnde haben, wenn zum Beispiel die Sonde nicht ausreichend gut im \u00e4u\u00dferen Geh\u00f6rgang platziert ist oder die Emissionen am Mikrofon der Sonde von anderen Schallereignissen \u00fcberlagert werden, d.h. die Umgebung zu laut ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Messung kann am schlafenden oder wachen, aber sehr ruhigen Kind durchgef\u00fchrt werden (Abb.1). Die Messzeit betr\u00e4gt bei modernen Screening-Messger\u00e4ten unter g\u00fcnstigen Messbedingungen etwa 3 Sekunden bis 1,5 Minuten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abb. 1: Messung Otoakustischer Emissionen (OAE) im Rahmen des Neugeborenen-H\u00f6rscreenings (Quelle: Mack Medizintechnik)<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">AABR-Messung<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">AABR-Verfahren messen im \u00fcbertragenen Sinne die \u201eAntworten des Hirnstamms auf Schallreize\u201c. \u00dcber Elektroden am Sch\u00e4del werden dabei Potentialunterschiede auf der Hautoberfl\u00e4che gemessen. Das H\u00f6rorgan wird \u00fcber eine Sonde im \u00e4u\u00dferen Geh\u00f6rgang oder \u00fcber Schalen- oder Einsteckkopfh\u00f6rer beschallt. \u00dcber den Trommelfell-Geh\u00f6rkn\u00f6chelchen-Apparat des Mittelohrs wird der Schall in die H\u00f6rschnecke (Cochlea) \u00fcbertragen und dort von den Haarzellen in Aktionspotenziale umgewandelt. Diese werden \u00fcber den H\u00f6rnerv und die sich anschlie\u00dfende H\u00f6rbahn in Richtung der H\u00f6rrinde weitergeleitet (siehe Modul 2). Auf ihrem Weg dorthin entstehen an verschiedenen Schaltstellen synchrone Entladungen vieler Zellen, die am Sch\u00e4del \u00fcber Elektroden abgeleitet werden k\u00f6nnen. Das Ausbleiben von Antworten des Hirnstamms kann auf eine St\u00f6rung im Au\u00dfenohr, im Mittelohr, im Innenohr (\u00e4u\u00dfere und innere Haarzellen) oder im H\u00f6rnerv bis zum Hirnstamm hinweisen. Damit decken die AABR verglichen mit den TEOAE einen gr\u00f6\u00dferen Teil des H\u00f6rsystems ab. Allerdings liegen die Ursachen der meisten behandelbaren kindlichen H\u00f6rst\u00f6rungen im peripheren H\u00f6rorgan und sind \u00fcberwiegend schon \u00fcber die TEOAE erfassbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Moderne AABR-Messger\u00e4te verwenden einen Reizpegel von 35 Dezibel (Hearing Level, auch H\u00f6rpegel) f\u00fcr die Messung und k\u00f6nnen somit eine H\u00f6rschwelle ab 35 dB nachweisen. Das Messen von Hirnstammpotentialen ben\u00f6tigt im Vergleich zur Messung der otoakustischen Emissionen eine l\u00e4ngere Vorbereitungszeit. In Abh\u00e4ngigkeit des verwendeten Messger\u00e4tes werden entweder drei Einmalelektroden am Kopf aufgeklebt oder Permanentelektroden an den bevorzugten Ableitstellen der Haut aufgesetzt. Die Vorbereitung und die nachfolgende Messung sollten vorzugsweise am schlafenden oder sehr ruhigen Kind erfolgen. Die Ableitung am unruhigen oder wachen Kind f\u00fchrt in der Regel zu einer Verl\u00e4ngerung der Messdauer, unter Umst\u00e4nden auch zu einem kontrollbed\u00fcrftigen Ergebnis, da Muskelartefakte oder andere neuronale Ereignisse die akustisch ausgel\u00f6sten Antworten des Hirnstamms \u00fcberlagern k\u00f6nnen und deren Nachweis erschweren. Ein kontrollbed\u00fcrftiges Ergebnis muss also auch hier nicht auf einen H\u00f6rschaden hinweisen, sondern kann durch fehlerhaftes Vorgehen oder schlechte Messbedingungen zustande kommen. Bei modernen Messger\u00e4ten liegt die Messzeit unter g\u00fcnstigen Messbedingungen zwischen 30 Sekunden und 3 Minuten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abb. 2 Automatisierte Hirnstammaudiometrie (AABR) im Rahmen der Neugeborenen-H\u00f6rscreenings (Quelle: Mack Medizintechnik)<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">TEAOA und AABR<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beide Verfahren, TEOAE und AABR, gew\u00e4hrleisten eine hinreichend genaue Trennung zwischen unauff\u00e4lligen \u2013 und damit in der Regel auch gesunden \u2013 und auff\u00e4lligen Ohren, die weiterer Untersuchungen bed\u00fcrfen. TEOAE-Messungen sind schneller, einfacher in der Anwendung und g\u00fcnstiger in Hinblick auf die Ger\u00e4tekosten. Zudem sind sie sensitiver in der Entdeckung geringgradiger H\u00f6rverluste. Sie haben weltweit gro\u00dfe Verbreitung erfahren. Ihr Nachteil besteht in einer h\u00f6heren Empfindlichkeit gegen Verlegungen des \u00e4u\u00dferen Geh\u00f6rgangs mit R\u00fcckst\u00e4nden wie \u201eK\u00e4seschmiere\u201c (die das Neugeborene umgibt) oder des Mittelohres mit Fruchtwasser, wie es in den ersten 48 Lebensstunden h\u00e4ufig auftritt. Im Hinblick auf Schallleitungsst\u00f6rungen \u00fcbertrifft die Empfindlichkeit der TEOAE grunds\u00e4tzlich die der AABR. Daher weisen AABR-Messungen in den ersten 48 Lebensstunden h\u00f6here PASS-Raten auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend der letzten Jahre gewannen kombinierte TEOAE-AABR-Verfahren f\u00fcr ein Neugeborenen-H\u00f6rscreening weltweit an Bedeutung. Letzteres beinhaltet die Messung von OAE und bei deren Testauff\u00e4lligkeit nach einem oder mehreren Tests eine sich anschlie\u00dfende AABR-Messung. Ein solches Vorgehen verkn\u00fcpft die Vorteile der kurzen Messdauer, einer niedrigen Detektionsschwelle (30 dB) und niedriger Kosten f\u00fcr Verbrauchsmaterialien von OAE-Messungen mit denen einer h\u00f6heren Spezifit\u00e4t und der Erfassung einer l\u00e4ngeren Strecke des H\u00f6rsystems von AABR-Messungen.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Ablauf des Neugeborenen-H\u00f6rscreenings<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie der Ablauf des Neugeborenen-H\u00f6rscreenings organisiert ist, ist in verschiedenen L\u00e4ndern noch nicht einheitlich geregelt. In Deutschland gibt es seit 01.01.2009 das universelle Neugeborenen-H\u00f6rscreening (d.h. alle Neugeborenen werden gescreent) als gesetzliche Regelleistung der Krankenkassen. Es erfolgt f\u00fcr jedes Ohr mittels TEOAE oder AABR und sollte bis zum 3. Lebenstag durchgef\u00fchrt werden. Bei Risikokindern ist als Messverfahren ausschlie\u00dflich AABR vorgesehen. Bei Fr\u00fchgeborenen soll die Untersuchung sp\u00e4testens zum Zeitpunkt des errechneten Geburtstermins, bei kranken oder mehrfach behinderten Kindern unter Beachtung der Zusatzst\u00f6rungen und notwendigen klinischen Ma\u00dfnahmen sp\u00e4testens vor Ende des 3. Lebensmonats erfolgen. Bei auff\u00e4lligem Testergebnis der Erstuntersuchung mittels TEOAE oder AABR soll m\u00f6glichst am selben Tag, sp\u00e4testens bis zum 10. Lebenstag an beiden Ohren eine Kontroll-AABR durchgef\u00fchrt werden. Bei einem auff\u00e4lligen Befund in dieser Kontroll-AABR soll eine umfassende p\u00e4daudiologische Konfirmationsdiagnostik bis zur 12. Lebenswoche erfolgen. Bis zum 6. Lebensmonat soll eine geeignete Therapie (Versorgung mit technischen H\u00f6rhilfen und Fr\u00fchf\u00f6rderung) eingeleitet werden.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Rahmenbedingungen des Screening-Programms<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Neugeborenen-H\u00f6rscreening ist ein sehr komplexes R\u00e4derwerk vieler Komponenten. Es kann nur seine Wirksamkeit entfalten, wenn alle Abl\u00e4ufe verl\u00e4sslich und zeitnah aufeinander abgestimmt sind. F\u00fcr ein universelles, d.h. jedes Kind erfassendes H\u00f6rscreening ist es n\u00f6tig, nicht nur die Screening-Technik im Blick zu haben, sondern auch die Rahmenbedingungen des kompletten Screening-Programms einer Region oder eines Landes, um dem eigentlichen Ziel des Screenings gerecht zu werden: der Vorverlegung des Therapiezeitpunktes fr\u00fchkindlicher H\u00f6rst\u00f6rungen im Vergleich zu dem in einer nicht systematisch gescreenten Population.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum auch mit Neugeborenen-H\u00f6rscreening der Diagnosezeitpunkt nicht immer vorverlegt werden kann, h\u00e4ngt von vielen verschiedenen Faktoren ab, die sich einer fr\u00fchzeitigen Therapie entgegenstellen k\u00f6nnen. Bleibt z.B. der Test kontrollbed\u00fcrftig muss das Kind nach einigen Tagen einen Kontrolltest erhalten k\u00f6nnen. Wo erh\u00e4lt das Kind eine fachgerechte Kontrolle? Wann erh\u00e4lt das Kind einen Termin daf\u00fcr? Kommen die Eltern mit ihrem Kind zu diesem Termin? Besteht \u00fcberhaupt ein Vertrauen in das Ergebnis des ersten Screenings? Was geschieht, wenn die Screening-Kontrolle wiederum ein auff\u00e4lliges Ergebnis zeigt? Wer kann kindliche H\u00f6rst\u00f6rungen ausreichend genau diagnostizieren? Wann kann eine Therapie beginnen? In welcher Qualit\u00e4t wird die Therapie durchgef\u00fchrt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Notwendigerweise kann der Screening-Prozess erst dann als abgeschlossen gelten, wenn der Ausschluss einer H\u00f6rst\u00f6rung festgestellt oder die H\u00f6rst\u00f6rung eindeutig und umfassend, unter Festlegung der Therapiema\u00dfnahme und deren Beginn, diagnostiziert wurde.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Aufkl\u00e4rung der Eltern<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schriftliche Elterninformationen und die Aufkl\u00e4rung \u00fcber den Vorteil eines H\u00f6rscreenings besitzen einen gro\u00dfen Einfluss auf die Teilnahme daran. Je etablierter das Screening in einer Region ist, desto \u00f6fter fragen Eltern auch aktiv nach einem H\u00f6rtest f\u00fcr ihr Kind. Die Gruppe der \u201eVerweigerer\u201c ist verschwindend gering, daher muss nicht n\u00e4her auf sie eingegangen werden. Deutlich gr\u00f6\u00dfer ist die gro\u00dfe Gruppe der \u201eGleichg\u00fcltigen\u201c, die einen solchen Test nicht erwarten und sich weiter auch nicht dazu verhalten wenn ihnen das Screening nicht nahe gebracht wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim kontrollbed\u00fcrftigen Messergebnis sollte eine Aufkl\u00e4rung hinsichtlich der m\u00f6glichen Ursachen erfolgen. Diese werden in den ersten Lebenstagen oft durch Schall\u00fcbertragungsprobleme auf Grund von \u201eK\u00e4seschmiere\u201c oder Fruchtwasserresten hervorgerufen, sind aber unproblematisch, da die Screening-Kontrolle nach Ablauf einiger Tage bei ca. 90% der F\u00e4lle bereits ein unauff\u00e4lliges Ergebnis erbringt. Bei Fr\u00fchgeborenen sind die Hirnstammpotentiale oft erst um den errechneten Geburtstermin herum abzuleiten. Genauso kann das Ergebnis aber auch auf eine Funktionsst\u00f6rung des H\u00f6rsystems hinweisen. Daher sind in jedem Falle diagnostische Aussagen, aber auch Tendenzen und Spekulationen nach einem Screening zu vermeiden. In Abh\u00e4ngigkeit des Wissensstandes der Untersucher wird gern zu Ausfl\u00fcchten gegriffen wie: \u201eDas Ger\u00e4t funktioniert manchmal nicht.\u201c oder \u201eDas liegt am Fruchtwasser.\u201c Die Problematik dabei liegt auf der Hand. W\u00e4hrend sich der Untersucher \u201eentlastet\u201c, ruft er dieselbe Wirkung auch bei den Eltern hervor. F\u00fcr sie erscheint eine Kontrolle \u00fcberfl\u00fcssig, da es ja konkrete Gr\u00fcnde f\u00fcr das kontrollbed\u00fcrftige Ergebnis gab. Solcherma\u00dfen aufgekl\u00e4rte Eltern sind sp\u00e4ter nur sehr schwer von der notwendigen Kontrolle f\u00fcr das Kind zu \u00fcberzeugen. Ein guter Untersucher sollte auf das gesamte Spektrum der M\u00f6glichkeiten hinweisen und die Notwendigkeit einer zeitnahen und fachgerechten Kontrolle erl\u00e4utern k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Tracking<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Tracking hat die Aufgabe, Kinder nach Entlassung aus der Geburtseinrichtung weiter zu begleiten, bis sie wieder einer eventuell notwendigen Screening-Kontrolle oder zu einer Diagnostik vorgestellt wurden. Es k\u00fcmmert sich folglich um Kinder, welche die Geburtseinrichtung ohne ein beidseitig unauff\u00e4lliges Ergebnis verlassen haben (eine einohrige Screening-Strategie wird mehrheitlich nicht mehr verfolgt). Ein Tracking ist notwendig, da das Elternengagement unterschiedlich gelagert ist. Dieser Sachverhalt ist teilweise nachvollziehbar, weil \u201eSt\u00f6rmeldungen\u201c im Prozess der Eltern-Kind-Bindung grunds\u00e4tzlich schlecht toleriert werden. Die Tatsache, dass ohne ein Tracking aber nur etwa 50% der Eltern ihr Kind wieder einer Kontrolle vorstellen, gibt Auskunft \u00fcber die weitgehende Verdr\u00e4ngung dieser Thematik nach der Entlassung aus der Geburtseinrichtung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber Erinnerungsbriefe und Telefonate wird den Eltern des Kindes nahe gelegt, das H\u00f6rorgan zeitnah in einer geeigneten Einrichtung (follow-up \u2013 Einrichtung) \u00fcberpr\u00fcfen zu lassen. Daf\u00fcr m\u00fcssen regionale Leitstellen mit systematischen Prozeduren zur Verf\u00fcgung stehen.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">\u00a0Follow-up<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter follow-up versteht man die \u00dcberpr\u00fcfung kontrollbed\u00fcrftiger Screeningbefunde mit diagnostischen Mitteln. Spezialisierte Einrichtungen halten daf\u00fcr verschiedene Untersuchungsverfahren vor und sind besonders auf die kindliche Diagnostik von H\u00f6rst\u00f6rungen eingerichtet. Diagnostik und Therapie sind in hohem Ma\u00dfe von Qualifikation und Erfahrungswissen gepr\u00e4gt. Therapeutische Ma\u00dfnahmen und Ziele werden hier in der Regel begonnen oder festgelegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese speziell f\u00fcr kindliche Diagnostik qualifizierten Hals-Nasen-Ohren \u2013 \u00c4rzte oder P\u00e4daudiologen f\u00fchren eine Konfirmationsdiagnostik (Best\u00e4tigungsdiagnostik) durch. Da Kinder nicht aktiv bei der Diagnosestellung mitarbeiten k\u00f6nnen, kommen hier mehrere Messverfahren zur Ermittlung der Art, der Lokalisation und des Grades der H\u00f6rst\u00f6rung zum Einsatz (siehe auch Modul 2). Der Begriff der P\u00e4daudiologie (Kinderaudiologie) ist angebracht, wenn neben audiometrischen Methoden auch Ursachen und Behandlung sowie medizinische Betreuung, H\u00f6rger\u00e4teversorgung und Sprachf\u00f6rderung h\u00f6rgesch\u00e4digter Kinder in Betracht gezogen werden. Grunds\u00e4tzlich geh\u00f6ren H\u00f6rpr\u00fcfungen bei Kindern in die Hand erfahrener Untersucher, damit sowohl falsch positive als auch falsch negative Ergebnisse vermieden werden. Als wichtigste Untersuchungsmethoden seien hier die Messung der otoakustischen Emissionen mit diagnostischen Verfahren, die frequenzspezifische Hirnstammaudiometrie, die Tympanometrie im Hoch- und Tieftonbereich sowie die Reflexaudiometrie bei S\u00e4uglingen genannt (siehe Modul 2). F\u00fcr eine differenzierte Diagnostik m\u00fcssen ebenfalls die m\u00f6glichen Ursachen der Krankheit (\u00c4tiologie) abgekl\u00e4rt, eine Prognose und eine Therapieindikation erstellt werden. Ein follow-up kann und sollte sich kurzfristig einem kontrollbed\u00fcrftigen Screening anschlie\u00dfen. Die Diagnosestellung kann auch in den ersten Lebenswochen erfolgen. Die meisten Therapien stehen fr\u00fchzeitig zur Verf\u00fcgung. Bis zum Abschluss des dritten Lebensmonats sollten alle Kinder diagnostiziert sein!<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Therapiebeginn<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Versorgung und Therapie von kindlichen H\u00f6rst\u00f6rungen hat sich mit dem medizinisch-technischen Fortschritt gravierend gewandelt. Technische H\u00f6rhilfen, insbesondere das Cochlea-Implantat (CI), erm\u00f6glichen selbst hochgradig h\u00f6rgesch\u00e4digten Kindern den Eintritt in die Welt des H\u00f6rens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Grunds\u00e4tzlich k\u00f6nnen h\u00f6rverbessernde Operationen oder H\u00f6rger\u00e4teversorgungen fr\u00fchzeitig, etwa ab einem Alter von zwei Monaten durchgef\u00fchrt werden. H\u00f6rverbessernde Operationen kommen insbesondere f\u00fcr Kinder mit angeborenen Gesichtsspalten, z.B. Lippen-Kiefer-Gaumenspalten in Betracht. Hier ist h\u00e4ufig eine fr\u00fche Versorgung der Kinder mit mittelohrbel\u00fcftenden Paukenr\u00f6hrchen n\u00f6tig, da die gest\u00f6rte Gaumenfunktion eine normale Mitteohrbel\u00fcftung behindert. Beidseitige Verschl\u00fcsse der Geh\u00f6rg\u00e4nge im Rahmen von Ohrfehlbildungen werden erst im sp\u00e4teren Kindesalter operiert und bed\u00fcrfen einer Versorgung mit Knochenleitungsh\u00f6rger\u00e4ten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die H\u00f6rger\u00e4teversorgung derart junger Kinder stellt besondere Anforderungen an H\u00f6rger\u00e4teakustiker, Fr\u00fchf\u00f6rderer und das medizinische Personal. Bleiben H\u00f6r- und Sprachentwicklung trotz einer H\u00f6rger\u00e4teversorgung rudiment\u00e4r oder ganz aus, kann die Versorgung mit einem Cochlea-Implantat (CI), einer elektronischen Innenohrprothese n\u00f6tig sein. Diese unter die Kopfhaut implantierte Prothese erm\u00f6glicht die direkte Reizung des H\u00f6rnervs durch elektrische Impulse, aus dem das Gehirn nach einiger Trainingszeit H\u00f6reindr\u00fccke erzeugt, selbst wenn das Kind nie zuvor geh\u00f6rt hat. Voraussetzung ist, dass die Ursache der praktischen Taubheit im Innenohr liegt, was meistens der Fall ist und dass ein intakter H\u00f6rnerv vorhanden ist. Diese Therapie, mit der praktisch geh\u00f6rlose Kinder h\u00f6ren k\u00f6nnen, ist umso erfolgreicher, je fr\u00fcher sie erfolgt (siehe Modul 3).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die H\u00f6rger\u00e4te- bzw. CI-Versorgung stellt nur eine Teilma\u00dfnahme im Rahmen einer mehrj\u00e4hrigen Betreuung des h\u00f6rgesch\u00e4digten, mitunter auch mehrfach behinderten Kindes sowie seiner Eltern dar. Es schlie\u00dft sich eine besonders intensive H\u00f6r-Habilitation an. Neben der fachlichen Begleitung spielt die Einbindung der Eltern in den Therapieprozess eine wichtige Rolle (siehe Module 4 &amp; 5).<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Zusammenfassung<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Neugeborenen-H\u00f6rscreening verbessert die Chance, dass ein Kind mit einer angeborenen H\u00f6rst\u00f6rung fr\u00fcher diagnostiziert und einer geeigneten Therapie zugef\u00fchrt wird. Insbesondere in den europ\u00e4ischen L\u00e4ndern sollten Neugeborenen-H\u00f6rscreening &#8211; Programme au\u00dferhalb jeder Diskussion stehen. Die medizinisch-technischen M\u00f6glichkeiten sind ausreichend erforscht und werden best\u00e4ndig weiterentwickelt. Neugeborenen-H\u00f6rscreening &#8211; Programme sind vergleichsweise kosteng\u00fcnstig und k\u00f6nnen allen Kindern zur Verf\u00fcgung stehen. Bei fr\u00fchzeitiger Entdeckung und Behandlung fr\u00fchkindlicher H\u00f6rst\u00f6rungen haben diese Kinder die gleichen Bildungs-, Berufs- und Entwicklungschancen wie die (zuf\u00e4llig) als h\u00f6rgesund zur Welt gekommenen Kinder.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Evaluation<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">L\u00e4sst sich \u00fcber ein Neugeborenen-H\u00f6rscreening eine H\u00f6rst\u00f6rung feststellen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nein, ein H\u00f6rscreening gibt lediglich einen Anhaltspunkt f\u00fcr eine eventuell vorliegende Funktionsst\u00f6rung, die erst \u00fcber diagnostische Verfahren best\u00e4tigt werden kann. Screening und Diagnostik sollten in kurzem Zeitabstand erfolgen.<br \/>\nJa, da die Mehrheit der Kinder den Test besteht, ist die Wahrscheinlichkeit einer H\u00f6rst\u00f6rung in der verbleibenden Gruppe der Kinder mit einem kontrollbed\u00fcrftigen Test sehr hoch.<br \/>\nJa, sonst k\u00f6nnte man ein solches H\u00f6rscreening nicht empfehlen. Die Messverfahren m\u00fcssen aber geeignet und die Messergebnisse automatisch ausgewertet sein, damit auch unerfahrene Untersucher zu einer sicheren Diagnose kommen k\u00f6nnen.<br \/>\nNein, ein H\u00f6rscreening ist kein diagnostisches Verfahren. Es dient dazu, H\u00f6rst\u00f6rungen bei der Mehrheit der Kinder sehr fr\u00fch ausschlie\u00dfen zu k\u00f6nnen. F\u00fcr Kinder, die den Test nicht bestehen, ist ein Anhaltspunkt gegeben, die weitere H\u00f6r- und Sprachentwicklung genauer zu verfolgen.<br \/>\nWei\u00df man nach einem H\u00f6rscreening, ob ein Kind h\u00f6rt oder nicht h\u00f6rt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, man unterscheidet bei den Ergebnissen in normalh\u00f6rende und h\u00f6rgest\u00f6rte Kinder.<br \/>\nNein, viele Beispiele zeigen, dass die Tests noch nicht aussagekr\u00e4ftig genug sind.<br \/>\nNein, insbesondere kontrollbed\u00fcrftige Kinder m\u00fcssen eine zeitnahe Kontrolle erhalten.<br \/>\nJa, mit dem Ergebnis des H\u00f6rscreenings erh\u00e4lt man eine ausreichend verl\u00e4ssliche Antwort.<br \/>\nWie viele Eltern stellen ihr Kind wieder zeitgerecht zu einer Kontrolle vor, wenn das Screening-Ergebnis kontrollbed\u00fcrftig war?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">etwa 80%.<br \/>\netwa 75%.<br \/>\netwa 50%.<br \/>\netwa 25%.<br \/>\nTracking steht f\u00fcr:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">o\u00a0\u00a0 das Nachverfolgen und Begleiten testauff\u00e4lliger Kinder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">o\u00a0\u00a0 das Schreiben von Erinnerungsbriefen an Eltern testauff\u00e4lliger Kinder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">o\u00a0\u00a0 die Verantwortlichkeit der Durchf\u00fchrung des Screenings und des Begleitens der Kinder bis zu einer Kontrolluntersuchung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">o\u00a0\u00a0 das Nachverfolgen testauff\u00e4lliger, nicht vollst\u00e4ndig oder nicht gescreenter Kinder bis zu einem abschlie\u00dfenden Ergebnis, gegebenenfalls bis zum Beginn einer Therapie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter einem follow-up versteht man:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">o\u00a0\u00a0 die Wiedervorstellung eines kontrollbed\u00fcrftigen Kindes in einer \u00e4rztlichen Einrichtung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">o\u00a0\u00a0 die Kontrolle eines auff\u00e4lligen Screening-Befundes in der Geburts- oder in einer \u00e4rztlichen Einrichtung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">o\u00a0\u00a0 die H\u00f6rger\u00e4teversorgung und \u2013Anpassung in einer spezialisierten Facheinrichtung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">o\u00a0\u00a0 die Best\u00e4tigungsdiagnostik (Konfimationsdiagnostik) in einer spezialisierten (p\u00e4daudiologischen) Facheinrichtung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wann sollte ein follow-up erfolgen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">o\u00a0\u00a0 Innerhalb der ersten Lebenswochen, sp\u00e4testens aber bis zum Abschluss des 3. Lebensmonats.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">o\u00a0\u00a0 Nicht vor Abschluss des 3. Lebensmonats, sp\u00e4testens aber bis zum 6. Lebensmonat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">o\u00a0\u00a0 Nicht vor dem Abschluss des ersten Lebensjahres.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">o\u00a0\u00a0 Erst nach der Best\u00e4tigung des kontrollbed\u00fcrftigen Befundes durch den behandelnden Kinderarzt, dann aber ohne weiteren Zeitverlust (Terminmanagement).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In welchem Zeitraum sollte mit der Therapie einer fr\u00fchkindlichen H\u00f6rst\u00f6rung begonnen werden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4testens bis zum Abschluss des 3. Lebensjahres (Kindergartenalter).<br \/>\nSp\u00e4testens bis zum Abschluss des 6. Lebensmonats.<br \/>\nSp\u00e4testens bis zum Abschluss des 2. Lebensmonats.<br \/>\nSp\u00e4testens bis zum Abschluss des 2. Lebensjahres.<\/p>\n<h1 style=\"text-align: justify;\">Literatur<\/h1>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hildmann A (2008): Fr\u00fchkindliche H\u00f6rst\u00f6rung \u2013 eine interdisziplin\u00e4re Aufgabe. Sprache Stimme Geh\u00f6r 32, 2-5<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Joint Committee on Infant Hearing (2007) Year 2007 Position Statement: Principles and Guidelines for Early Hearing Detection and Intervention Programs. Pediatrics 120,898-921 http:\/\/www.pediatrics.org\/cgi\/content\/full\/120\/4\/898 (07.02.2009)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Klinke R (2008): H\u00f6ren lernen \u2013 die Bedeutung der ersten Lebensjahre. Sprache Stimme Geh\u00f6r 32, 6-11<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Yoshinaga-Itano C (2003): From Screening to Early Identification and Intervention: Discovering Predictors to Successful Outcomes for Children With Significant Hearing Loss. Journal of Deaf Studies and Deaf Education 8:1, 11-30<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Modul 1 behandelt die Fragen, wo das Neugeborenen-H\u00f6rscreening durchgef\u00fchrt wird, welche Verfahren dabei angewendet werden und welche Konsequenzen es hat, wenn ein Baby als h\u00f6rgesch\u00e4digt gescreent wird. Autoren: Peter B\u00f6ttcher und Barbara Bogner Einf\u00fchrung Ziel des Moduls Im Gegensatz zu den M\u00f6glichkeiten unserer Eltern und Gro\u00dfeltern l\u00e4sst sich heute f\u00fcr die Entwicklung von Kindern mit [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-376","page","type-page","status-publish","hentry"],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/P6a3tE-64","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/earbook.online\/hicen\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/376","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/earbook.online\/hicen\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/earbook.online\/hicen\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/earbook.online\/hicen\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/earbook.online\/hicen\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=376"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/earbook.online\/hicen\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/376\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":505,"href":"https:\/\/earbook.online\/hicen\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/376\/revisions\/505"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/earbook.online\/hicen\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=376"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}